Bauprogramm 2020 veröffentlicht

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Heute wurde das Bauprogramm Radinfrastruktur der Stadt Wien veröffentlicht - so spät wie in keinem anderen Jahr zuvor. Wir hofften auf eine definierte Investitionsoffensive, nachdem eine solche drei Jahre in Folge angekündigt wurde, aber nicht kam. Schafft Wien nun 2020 die Trendwende im Radverkehr? Wir haben die Liste der diesjährigen Projekte unter die Lupe genommen und ziehen Bilanz.

Vorbildlich investieren gerade Paris und Graz mit ca. 30 Euro pro Einwohner und Jahr. In Wien sind es nur etwa 3,5 € pro Einwohner jährlich, damit liegt das Ziel der Radverkehrsverdoppelung in weite Ferne. Die Verkehrswende-Petition Platz für Wien will sie bis 2025 erreicht sehen. Hier unterzeichnen.

Bauprogramm 2020: Die Radlobby Einschätzung

Lindengasse: Einbahnöffnung kommt!

Seit 20 Jahren ist die Lindengasse als Hauptradroute ausgewiesen – aber dennoch bis heute nicht durchgängig befahrbar. Zwei Barrieren verhindern das Radfahren stadteinwärts. Die Innere davon -  zwischen Andreasgasse und Neubaugasse - soll nun beseitigt werden. Die Radlobby Wien bespricht dies seit etwa 10 Jahren mit den Verantwortlichen. Die sehr erfolgreiche Petition Verbesserungen für den Fuß- und Radverkehr Lindengasse eines Bewohners wurde von Geht-doch, Walk Space und der Radlobby Wien unterstützt. Sie brachte das Thema in den Wiener Gemeinderat. Zuletzt führten Radlobby Neubau und Radlobby Wien im Dezember 2019 bei einer Demonstration vor, wie gut die Einbahnöffnung hier funktionieren würde. Anlässlich des Umbaus der Neubaugasse zur Begegnungszone (läuft seit Jänner 2020) wird die direkt angrenzende Einbahnöffnung der Lindengasse nun endlich Realität. Danke an den Bezirk für die rasche Einbindung in die Großbaustelle Neubaugasse! Die letzte Barriere der Hauptradroute liegt in der Stollgasse beim Gürtel. Eine Einbahnöffnung hier ist der nächste logische Schritt zur durchgängigen Fahrradstraße Lindengasse.

Lazarettgasse: Radfahrstreifen statt Fahrradstraße

Hier hatte die Radlobby Wien eine Fahrradstraße Lazarettgasse-Sensengasse-Bolzmanngasse gefordert. Statt einer Kfz-verkehrsberuhigten Führung auf einer schmalen Fahrbahn werden hier jetzt breitere Radfahrstreifen markiert, wo es heute zwei Mehrzweckstreifen gibt.

Possingergasse: Radfahrstreifen bergauf - Hasnerstraße bis Schmelz

2017 wurde die Route ins Hauptradverkehrsnetz aufgenommen. Sie verbindet den Schuhmeierplatz an der Hasnerstraße mit den geöffneten Busspuren Auf der Schmelz. Bergauf wird ein Radfahrstreifen angelegt. Da dort Tempo 50 herrscht ist er wie die neue Schweglerstraße leider nicht für alle Alters- und Nutzergruppen geeignet. Teile der Bevölkerung am Fahrrad werden verdrängt und müssen andere Routen wie die Brüßlgasse oder Paltaufgasse benutzen.

Laxenburger Straße: Nebenfahrbahn nutzbar

Die Nebenfahrbahn der Laxenburger Straße - seit 2002 Hauptradroute in Planung - wird auf 350 Meter Länge zum Radfahren in beiden Richtungen ummarkiert. Die große, 1.600 Meter lange Lücke südlich dieses Teilstücks auf der Laxenburger Straße bis zur Draschestraße bereitet uns wohl noch weiterhin Kopfzerbrechen.

Eurovelo Nußdorfer Lände lokal verbessert

Der gefährliche Tiller-Schwenk wird endlich beseitigt. Radeln in Döbling – Partner der Radlobby im Bezirk - hatte die Problemstelle mehrmals kritisiert und Verbesserungen eingefordert. Durch die Einführung der Parkraumbewirtschaftung ist enorm viel Platz im Straßenraum frei geworden. Dieser ist nun verfügbar, um diese lang diskutierte Problemstelle 2020 endlich zu lösen. Weitere Verbesserungsvorschläge gibt es für den ganzen Bezirk, diese finden sich aber nicht im Bauprogramm wieder.

Wagramer Straße: ein Radweg wird verlegt

Unocity bis Alte Donau – hier wird der 1,8m schmale Zweirichtungsradweg von der Fassade zur Allee verlegt und auf ca. 3m verbreitert. Als Teil der Rad-Langstrecke Nord wird hier die Qualität deutlich verbessert. Es bleibt aber eine Bestandsverbesserung in der Nebenfahrbahn auf einem Teilstück wo es heute schon einen Radweg gibt - fünf Jahre Diskussion hatte es gebraucht. Was mindestens so lange fehlt ist eine zweite Radverkehrsanlage entlang der östlichen Bebauungsseite. Die beidseitige Megalücke Wagramer Straße zwischen Alte Donau und Kagraner Platz auf der Rad-Langstrecke Nord ist einer Stadt wie Wien nicht würdig, ganz zu schweigen vom Bezirk Donaustadt. Die WienerInnen haben besseres verdient, die Radlobby Wien verlangt eine rasche Lösung dieser Angststrecke. Innerhalb weniger Wochen könnten hier z.B. zwei Pop-up Radstreifen nach dem Vorbild der Praterstraße angelegt werden.

Hernalser Hauptstraße: zwei Häuserblöcke Radfahrstreifen

Die Hernalser Hauptstraße ist seit 2002 bis zum Bahnhof Hernals als städtische "Hauptradroute in Planung" ausgewiesen. Die Radlobby Hernals und Radlobby Wien haben dazu einen detaillierten Vorschlag gemacht, der aus a) geschützten Radstreifen statt Mehrzweckstreifen im Inneren Teil besteht und b) die Nebenfahrbahnen als durchgängige Fahrradstraßen nach niederländischem Vorbild vorsieht. Beides kommt 2020 nicht. Am Kreuzungsplateau Wattgasse werden dieses Jahr zwei Häuserblöcke lang zwei Radfahrstreifen markiert, die zwei Nebenfahrbahnen verbinden.

Breitenfurter Straße: zwei neue Radwege

Die Breitenfurter Straße ist _der_ potentielle Fahrrad-Highway von Wien Meidling nach Liesing. Bisher fast durchgängig bloß im Planungsstadium wird 2020 endlich Infrastruktur auf den Boden gebracht - einem Neubauprojekt sei Dank. Auf 550 Meter entstehen zwei baulich getrennte Einrichtungsradwege. Die richtige Anlageart und Organisationsprinzip, finden wir. Eine gute Vorlage also für den Rest der Breitenfurter Straße!

Nordbahnstraße: zweiter Radweg vom Praterstern bis Taborstraße

Das Gebiet zwischen Nordbahnstraße und S-Bahn Hauptstrecke wird bebaut. Im Zuge dessen erhält die Nordbahnstraße einen neuen Radweg auf der Ostseite, der den Praterstern mit neuen Schützenden Kreuzung „Am Tabor“ verbindet. Ein wesentliches Qualitätsupgrade zum heutigen schmalen Zweirichtungsradweg an der Westseite. Die Radlobby Wien drängt auf die Fortsetzung des Projektes gen Norden bis zur Innstraße in der Brigittenau, um die Hauptradroute Dresdner Straße anzubinden. Dort muss man sich weiterhin bei Tempo 50 unter Autos mischen. 

Fahrradstraßen

2020 wird das Jahr der Fahrradstraßen, soviel ist sicher. In insgesamt 13 Straßenzügen werden Schilder aufgestellt bzw. Piktogramme markiert. 14 Abschnitte neue Fahrradstraßen und 6 als fahrradfreundliche Straßen ohne Rechtskraft. Dieses Bündel an Verbesserungen ist ein konkretes Ergebnis des Masterplan Fahrradstraßen nach der Fahrradstraßen-Petition der Radlobby Wien. Wir hatten bis 2020 in jedem Bezirk mind. eine Fahrradstraße gefordert.

Geplante Fahrradstraßen (FS) bzw. fahrradfreundliche Straßen 2020:

  • 2., Castellezgasse-Scherzergasse (FS)
  • 3., Fasanplatz / Joseph-Schmidt-Platz (FS)
  • 3., Haeussermannweg, Helmut-Qualtinger-Gasse / Maria-Jacobi-Gasse (FS), Henneberggasse (FS), Markhofgasse (FS)
  • 6., Mollardgasse von Eisvogelgasse bis Grabnergasse
  • 9., Boltzmanngasse von Währinger Straße bis Alserbachstraße und Alserbachstraße bis ONr. 18 (FS)
  • 9., Borschkegasse von Währinger Gürtel bis Lazarettgasse
  • 9., Währinger Gürtel Nebenfahrbahn gegenüber AKH (FS)
  • 10., Ettenreichgasse zwischen Dieselgasse und Troststraße (FS)
  • 11., Am Kanal von ONr. 15 bis ONr. 25 (FS), von Geystraße bis Lorystraße (FS) und Geiselbergstraße bis Zehetbauergasse (FS)
  • 13., 14. Hofjägerstraße von Mühlbergstraße bis ONr. 8 (FS)
  • 14., Bahnstraße zwischen Hamerlinggasse und ONr. 2 (FS)
  • 14., Goldschlagstraße von Ameisgasse bis Amortgasse und Amortgasse bis Sturzgasse
  • 19., Döblinger Gürtel von ONr. 2 bis ONr. 10
  • 22., Alte Straße (FS)

Selbst mit dem Bauprogramm 2020 werden viele Bezirke jedoch weiterhin keine Fahrradstraßen haben. Wo bleiben die Fahrradstraßen am Innenring (1.), die Argentinierstraße (4.), Mittersteig (5.), Lindengasse (7.), Zeltgasse-Pfeilgasse (8.), Hahngasse (9.), Arndtstraßestraße (12.), Hasnerstraße (16.), Geblergasse (17.), Schulgasse (18.), Weinberggasse-Hackenberggasse (19.), Treustraße (20.), An der Oberen Alten Donau (21., 22.) und viele mehr? Wir hoffen dass 2021 ein weiterer Schub Fahrradstraßen folgt.

Hinweis: Nicht auf wien.gv.at im Bauprogramm enthalten (Stand 12.05.2020), aber unter fahrradwien.at veröffentlicht sind folgende zwei Projekte:

Am Tabor: Zwei neue Radwege

Der Neubau schließt das Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof an den Westen an (Nordwestbahnhof & Innenstadt). Derzeit ist dies eine Schienenstraße mit Tempo 50 im Mischverkehr. Hier war bereits 2018 eine Fahrbahnsanierung mit aufgemalten Mehrzweckstreifen, teilweise Schrägparkplätzen und Tempo 50 vorgesehen. Die Bezirksvorstehung erkannte die mangelhafte Planung und verlangte Nachbesserung von der Stadt Die Radlobby Wien führte Gespräche und machte Vorschläge für zwei geschützte Radverkehrsanlagen. Nun ist es so weit: Die Leopoldstadt bekommt den ersten geschützten Radstreifen einer neuen Generation. Die zwei jeweils zwei Meter breiten Einrichtungs-Radwege sind in durch bauliche Elemente geschützt. Ohne Dooring-Gefahr kann man ab Ende 2020 hier nun auf dem ca. 500 Meter langen Straßenstück nebeneinander Radfahren. In der logischen Fortsetzung Nordwestbahnstraße (2. und 20.) ist allerdings noch einiges zu tun.

Laskegasse-Grießergasse: Einbahnöffnung

Die Grießergasse ist seit 2002 eine „geplante Hauptradroute“. Gemeinsam mit der neuen Laskegasse schließt sie den 2019 errichteten Belghofersteg an die bestehenden Hauptradrouten Altmannsdorfer Straße, Breitenfurter Straße und Oswaldgasse an. Was noch fehlt ist eine Fuß-&Radbrücke an Stelle des Grießersteg - wir erwarten gespannt die Fertigstellung.

Fazit zum Bauprogramm 2020:

Die Liste der Projekte 2020 ist kein Bauprogramm einer Verkehrswende. Zwar werden einige Stellen verbessert, die großen Lücken im Radverkehrsnetz sind jedoch wieder nicht dabei. Insgesamt werden nur 4,5 km Radwege/Streifen geschaffen und die 6 Kilometer Fahrradstraßen/fahrradfreundliche Straßen sind auf 20 kurze Teilstücke aufgeteilt.
Eigentlich für 2020 erwartete Projekte wie die Mayredergasse in der Donaustadt und die Albener Hafenzufahrtsstraße werden ins Jahr 2021 verschoben. Neben den wenigen größeren Umbauten bleibt es bei ein paar Radstreifen und Einbahnöffnungen. Ein erfreulicher Lichtblick ist die Reihe von geplanten Fahrradstraßen bzw. fahrradfreundlichen Straßen. Mit einer ähnlich langen Liste von jährlichen Radwegerrichtungen läge Wien goldrichtig.

 

Wichtige Verbindungen fehlen im Bauprogramm

Es fehlt in Wien eine große Anzahl an wichtigen Verbindungen, die man entspannt und sicher beradeln kann. Ohne ein Netz durchgängiger und sicherer Radwege (o.ä.) gibt es keine Wahlfreiheit, das Rad nehmen zu können statt dem Auto. An vielen Wiener Hauptstraßen braucht es daher baulich getrennte Radwege beziehungsweise in den Wohnvierteln Kfz-verkehrsberuhigte Fahrradstraßen. Hier war lange Zeit die Linke Wienzeile mit dem 2019 eröffneten Radweg zu nennen, was hier noch fehlt ist der Anschluss gen Norden mit einem Radweg am Getreidemarkt bergauf.

In Wien fehlen bis auf weiteres sichere Radwege beispielsweise auf der Triester Straße, der Lassallestraße & Wagramer Straße (Praterstern bis Kagraner Platz), Landstraßer Hauptstraße, Rennweg, Simmeringer Hauptstraße, am Flötzersteig, der Mauerbachstraße, der Gersthofer Straße, der Krottenbachstraße, der Geiselbergstraße, Alserbachstraße, Wallensteinstraße, der Hausfeldstraße, der Eipeldauer Straße, und der Brünner Straße.

Kfz-Verkehrsberuhigte Fahrradstraßen fehlen beispielsweise in der Argentinierstraße, der Neulinggasse, der Spengergasse, der Penzinger Straße, der Hasner Straße, der Geblergasse, der Treustraße, An der Oberen Alten Donau, am Satzingerweg und in der Benyastraße. - Hier ein detailliertes Interview im Online-Standard dazu.

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Radlobby Wien Sprecher Roland Romano: "Bei vielen ist offenbar eine zeitgemäße Verkehrspolitik noch nicht angekommen. Damit Wien nicht durch die Klimakrise und Autostau zurückfällt, braucht es neue Mobilitätsangebote im Umweltverbund. Damit die Bezirke mehr Leute fürs Radfahren begeistern, heißt es: über den Tellerrand schauen und Radwege sowie Fahrradstraßen bauen, damit in der Stadt mehr Platz in den Straßen für Grün, Lebensqualität und notwendige Verkehre frei wird."

Neue Petition für die Verkehrswende in Wien

Derzeit gibt es insgesamt in Wien nur etwa 130 Kilometer Radweg auf den etwa 2.800 Straßenkilometern; das entspricht bloß 5 Prozent der Straßen Wiens. Auf vielen Verbindungen findet man sich im Mischverkehr mit Kraftfahrzeugen bei Tempo 50 wieder oder man steht vor Barrieren wie beispielsweise noch nicht geöffneten Einbahnen. Das wollen wir ändern und sind desshalb Teil der großen Wiener Verkehrswende-Petition Platz für Wien. Hier unterzeichnen:

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