Faktencheck: Wenn in Sankt Peter 400 Radfahrende verschwinden

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In der Bezirkszeitung der Grazer Volkspartei St. Peter – “FÜR SIE” – vom Juli wird heftige Kritik an den Ausbauplänen von Radinfrastruktur in Teilen der St.-Peter-Hauptstraße geübt, was Christa, eine Bewohnerin von St. Peter dazu bewog, den Verantwortlichen eine Stellungnahme abzugeben. Diese gelungene Stellungnahme möchten wir nach Rücksprache mit ihr mit wenigen ergänzenden Bemerkungen zu Teilen* hier veröffentlichen. Die folgenden Zwischenüberschriften stammen nicht von Christa. Der Originalartikel, auf den sich diese Stellungnahme bezieht, ist unten in Form von Fotos angefügt.

 

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(Rad-)Verkehrsfrequenz auf der St.-Peter-Hauptstraße

FÜR SIE: 

“[...] bei einer Frequenz von täglich max. 50 Radfahrern gegenüber 20.000 KFZ ist keinerlei Verhältnismäßigkeit für eine Änderung gegeben.”

 

Christa aus St. Peter:

Ich bin sehr oft  mit dem Fahrrad auf dieser Strecke unterwegs. Bei diesen kaum viertelstündigen Radfahrten zu unterschiedlichen Tageszeiten begegnen mir in der Regel 5 bis 10 weitere Radfahrende, wenn ich diese Zahlen hochrechne, ergibt sich eine Zahl von mind. 200 bis zu 400 Radfahrende pro Tag. 

Anmk. Radlobby ARGUS Steiermark:

Gem. Angaben des Landes Steiermark fahren durschnittlich täglich etwa 17.500 KFZ und 450 Fahrräder über den entsprechenden Abschnitt. Zudem lässt sich das von Stadt und Land ausgerufene Ziel, den Radverkehrsanteil im Modal Split zu steigern, nur erreichen, wenn Infrastruktur für den erwarteten zukünftigen Radverkehr gebaut wird. Nicht für den bestehenden. Genauso gut könnte man argumentieren, wir brauchen an der Stelle x keine Brücke über den Fluss bauen, denn dort quert niemand den Fluss.

Wie man den Radverkehr am besten versteckt

FÜR SIE:

„Für Radfahrer gibt es bereits eine sichere und einfache Alternative: über Styriastraße  –  Messendorfgrund  – Johann-Weitzer-Weg – Novalisgasse – Dammweg – und Marburgerstraße lässt sich schon jetzt ohne Umweg das St. Peter-Schulzentrum erreichen…Hier sind keine Ampeln und weitestgehend Wohngebiete, die befahren werden.”

 

Christa aus St. Peter:

Ich bin diese von Ihnen beschriebene  Strecke vom Kreisverkehr St.-Peter-Hauptstraße – Autaler Straße bis zum Schulzentrum St. Peter mit dem Rad abgefahren, sie beträgt 4,65 km. Vom Kreisverkehr bis zur Kreuzung St-Peter-Gürtel gibt es derzeit keinerlei Radinfrastruktur, ich teile mir einen Fahrstreifen mit den KFZ. Im Bereich Styriastraße und Messendorfgrund führt diese Strecke  nicht durch Wohngebiet, sondern durch Gewerbegebiet, das unter der Woche auch erheblich von Schwerverkehr belastet ist. Erst danach beginnt das Wohngebiet. Außerdem sind entlang der Strecke viele rechtwinkelige Abzweigungen zu passieren, die das Radtempo im Vergleich zur St-Peter-Hauptstraße wesentlich verlangsamen.

Nehme ich die für den Ausbau der Radinfrastruktur vorgesehene Strecke über die St.-Peter-Hauptstraße zum Schulzentrum, beträgt die Strecke nur  3,72 km, ist also beinahe um einen Kilometer, genau genommen 930 Meter kürzer. Das mag für Autofahrer*innen keinen Unterschied machen, für Radfahrer*innen ist die in Kilometern und Fahrzeit um 25 Prozent längere Strecke ganz sicher ein Umweg. Ihre Aussage ist daher unrichtig!

Missverstandene Mobilitätswende

FÜR SIE:

“Wir alle wollen eine bessere Zukunft, aber mit Restriktionen in dieser Art wird das Gegenteil erreicht.”

 

Christa aus St. Peter:

Was Sie als Restriktionen bezeichnen, ist die langsame und höchst notwendige Abkehr von der jahrzehntelangen Bevorzugung des motorisierten Verkehrs vor allen anderen Verkehrsteilnehmenden. Die Nutzung der auf das KFZ fokussierten Infrastruktur ist über die Jahrzehnte zur lieben Gewohnheit und zum vermeintlich wohlerworbenen Recht der Autofahrenden verkommen. Ich behaupte, es handelt sich nur mehr um eine Minderheit, die die Notwendigkeit einer klimafreundlicheren und mit höherer Sicherheit ausgestatteten  Neuverteilung des Verkehrsaufkommens nicht sehen wollen oder meinen, dies könnte ohne Einschnitte für private KFZ-Fahrten von statten gehen. Möglicherweise gehören Sie dazu, ich denke aber:

Soll sich St. Peter als moderner und lebenswerter Bezirk weiter entwickeln, dann braucht es auch den entsprechend ausreichenden und sicheren Platz

  • für die vielen jungen Eltern, die sich schon jetzt bewusst gegen ein Auto entscheiden und mit Lastenrädern ihre Kinder und fast alles andere transportieren
  • für die oftmals auch schon älteren Bewohner*innen des Bezirks, die dank ihrer E-Bikes den Großteil ihrer Einkäufe und Termine mit dem Rad erledigen können, auch wenn sie eine Steigung zu ihrem Wohnort zu bewältigen haben
  • für die vielen arbeitenden Menschen, welche das Fahrrad für ihren Arbeitsweg nutzen, um gleichzeitig etwas für ihre Gesundheit zu tun, Kosten zu sparen und die Umwelt weniger zu belasten
  • für alle, die sich um Alternativen bemühen und ihr KFZ nur dann benutzen, wenn es wirklich nicht anders geht, und sich nicht durch die (vermeintliche) Bequemlichkeit des Autos täuschen lassen

Ich bin keine Autohasserin, und bin nicht so blauäugig zu glauben, dass Autos zu 100 Prozent ersetzt werden können. Beschränken wir uns doch alle auf tatsächlich notwendige und alternativlose Autofahrten, ob aus Gründen persönlicher Einschränkungen, exponierter Wohnorte, tatsächlich noch fehlender Infrastruktur im öffentlichen Verkehr oder beruflicher Notwendigkeiten (z.B.: gewerbliche Fahrten). Gemeinsam mit dem Ausbau der entsprechenden Infrastruktur für die schwächeren Verkehrsteilnehmer*innen und des öffentlichen Verkehrs wird damit auch das Autofahren durch geringeres Verkehrsaufkommen stressfreier.

Dafür sollten sich politische Mandatar*innen, egal welcher politischen Ausrichtung – gemeinsam einsetzen, das wünschen sich die Bürger*innen dieses Bezirks und dieser Stadt!

 

Diese Stellungnahme erging an

1. Bezirksvorsteher- Stellvertreter, St. Peter:  Erich Kickenweitz ((ÖVP, Verfasser des Artikels in "FÜR SIE")

und die folgenden Personen:

  • Bezirksvorsteher St. Peter: Matias Neumann (Grüne)
  • 2. Bezirksvorsteher-Stellvertreter, St. Peter: Mario Rossmann (KPÖ)
  • Vizebürgermeisterin der Stadt Graz, Verkehrsreferat: Judith Schwentner
  • Gemeinderat, Mitglied im Ausschuss für Verkehr, Stadt- und Grünraumplanung: Christian Kozina (Grüne)
  • Leiter Abteilung für Verkehrsplanung Stadt Graz: Wolfgang Feigl
  • Radverkehrsbeauftragter der Stadt Graz: Helmut Spinka
  • Radlobby ARGUS Steiermark

 

*die Stellungnahme enthielt auch Teile mit Bezugnahme auf den öffentlichen Verkehr, die wir hier, um uns so kurz wie möglich zu halten, ausklammern.

 

Ergänzung durch die Radlobby ARGUS Steiermark:

In eigener Sache

Im Artikel wurde auch von der "Grünen Radlobby" geschrieben, weshalb wir hierauf ergänzend Bezug nehmen wollen:

 

FÜR SIE:

“Dieses Vorhaben wird seit Jahren von der Grünen Radlobby betrieben [...]”

Radlobby ARGUS Steiermark:

Wir vermuten, "Radlobby" wurde irrtümlich verwendet. Allerdings hätte hier vom Verfasser auf die Bezeichnung geachtet werden müssen. Bei der Radlobby Österreich und den zugehörigen Landesorganisationen handelt es sich um parteipolitisch unabhängige NGOs. So auch wir in der Steiermark. Aber wir fordern ganz klar von allen Verantwortlichen bessere Rahmenbedingungen fürs Radfahren für alle Menschen. 

Ausschließlich die Radlobby Österreich und deren Landesorganisationen sollten als "Radlobby" bezeichnet werden, um Missverständnisse zu vermeiden.