Das lange Warten auf Wiens Radbügeloffensive

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Derzeit gibt es in Wien nur einen Radabstellplatz pro 45 BewohnerInnen. Und das obwohl mehr als 60 Prozent der Haushalte zumindest ein Fahrrad besitzen. Mit wachsendem Radverkehr werden auch mehr Abstellplätze erforderlich. Die Radlobby Wien hat sich die Zahlen im Detail angesehen und eine Zwischenbilanz erstellt, ob Wien punkto Radparken für den Radverkehr im Jahr 2020 gerüstet ist; orf.at sowie Radio Wien berichteten.

Wiener Radpark-Studie: Bedarfserhebung für 2020

Die Radlobby-Analyse basiert auf einer umfassenden Studie der TU Wien im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft aus dem Jahr 2013. Diese von Dipl.‐Ing. Dr. Paul Pfaffenbichler und Florian Niel erstellte Studie beziffert die Anforderungen eines steigenden Radverkehrsanteils an die Qualität und Quantität von Fahrradabstellanlagen (kurz ARNIKA-Studie und Medienbericht). Die Studie hat den Bedarf für das Jahr 2020 erhoben, wobei die Autoren von einem laut Masterplan Verkehr 2003 angestrebten Radverkehrsanteil von 8 Prozent im Jahr 2020 ausgegangen sind.

Investitionen in fließenden wie ruhenden Verkehr

Die Studienautoren betonen, dass ein hoher Radverkehrsanteil nicht nur Investitionen in die Infrastruktur des Fließverkehrs (Radwege, Einbahnöffnungen, etc.) voraussetzt, "sondern auch eine sowohl quantitativ als auch qualitativ zufriedenstellende Infrastruktur für den ruhenden Verkehr." Wächst das Angebot an Abstellanlagen nicht im Einklang mit dem Radverkehrsanteil, kann es zu "gravierenden Problemen mit im öffentlichen Raum abgestellten Fahrrädern führen."

Verdoppelung der Radabstellplätze von 2011 auf 2020

Basierend auf der Versorgungslage im Jahr 2011 mit etwa 33.000 Radabstellplätzen, kam die Studie zum Schluss, dass bis zum Jahr 2020 ein zusätzlicher Bedarf von 33.000 Plätzen entsteht. 2020 werden also doppelt so viele Plätze benötigt, wie 2011 vorhanden waren.

Die Radlobby verwendet für ihre Zwischenbilanz die Zahlen der TU-Studie, die auf einem Radverkehrsanteil von 8% im Jahr 2020 basieren. Zwar gibt es mittlerweile höhere Wachstumsziele für den Radverkehr, doch lag der Radverkehrsanteil in Wien im Jahr 2016 nur bei 7 Prozent. Die Zahlen für 8% Radverkehrsanteil ermöglichen daher eine konservative, gut abgesicherte Bedarfsabschätzung.

Mit unserer Analyse geben wir den Wiener Bezirken ein Werkzeug in die Hand, mit dem sie ihre bisherigen Tätigkeiten im Bereich Radparken bewerten können. Diese Reflexion gestattet erstaunliche Einblicke auf bisherige Entwicklungen und hilft, drohende Defizite bis 2020 abzuwenden.

Ausbauraten "nicht zufriedenstellend"

Was hat sich seit dem Jahr 2011 beim Ausbau von Radstellplätzen getan? Unsere Zwischenbilanz zeigt mangelndes Engagement auf: Aus den im Jahr 2011 vorhandenen rund 33.000 Plätzen wurden rund 41.000 Plätze im Jahr 2016. In fünf Jahren wurden somit 8.000 Plätze gebaut, das entspricht einer jährlichen Ausbaurate von etwa 1.600 Plätzen. Schreibt man diesen Trend bis 2020 fort, so fehlen im Jahr 2020 etwa 18.000 Radabstellplätze! (~48.000 statt 66.000 Plätze)

Gemeinsam mit dem ORF Wien haben wir nachgefragt: Laut einer offiziellen Stellungnahme der Mobilitätsagentur Wien werden derzeit etwa 2500 Bügel jährlich errichtet. Zu wenig, wie die langfristige Betrachtung zeigt: Denn auch mit diesem angenommenen jährlichen Ausbau 2016-2020 bleibt es bei einem massiven Rückstand. Im Jahr 2020 fehlen dann 15.000 Plätze. Diese Radverkehrsbremse widerspricht stadtpolitischen Zielen für das Jahr 2020. Für die Bedarfsdeckung 2020 braucht es 2017-2020 einen Ausbau von 6250 statt 2500 Plätzen jährlich.

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Ausbauvorhaben zu gering: 2500 Plätze pro Jahr werden dem Bedarf nicht gerecht, Radlobby Wien

Bestände in den Bezirken

Während es im Jahr 2000 nur etwa 10.000 Radabstellplätze in Wien gab, sind es heute etwa 41.000. Die Anzahl der Plätze wird offiziell auf der Bezirksebene ausgewiesen. Die meisten Bügel stehen in den Bezirken 9, 22, 1 und 3. Am wenigsten Bügel stehen in den Bezirken 18, 17 und 13; Schlusslicht ist Döbling mit nur 637 Plätzen. Da Bevölkerung, Arbeitsplätze und Ziele nicht in allen Bezirken gleich sind, sagt die Verteilung der absoluten Zahlen recht wenig über die tatsächliche Versorgung aus. Relevant ist der Bestand gegenüber dem Bedarf. In der Studie ARNIKA der TU Wien wurde der Bedarf bei 8% Radverkehrsanteil im Jahr 2020 ermittelt. Die Anzahl der notwendigen zusätzlichen Plätze ist in den Bezirken 1, 10 und 3 am höchsten, in den Bezirken 8, 6 und 5 am niedrigsten.

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Bestand des Jahres 2016 an Radabstellanlagen und deren Kapazität (Abstellplätze), von Radlobby Wien

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Bestand 2011, Bestand 2016 und Bedarf 2020 (Die Bezirke sind nach dem Versorgungsgrad 2020 gereiht - siehe nächster Absatz), von Radlobby Wien

Ausbauprogramm in vielen Bezirken notwendig

Wenn es so weitergeht wie bisher (seit 2011), so fehlen in den Bezirken im Jahr 2020 etwa 18.000 Radabstellplätze.

Wir haben den Bestand von 2011 und 2016 erhoben und den erkennbaren Ausbautrend bis zum Jahr 2020 fortgeschrieben. Stellt man diese Bestände dem Bedarf 2020 gegenüber, so werden die Defizite und Entwicklungen in den Bezirken klar erkennbar.

Der voraussichtliche Versorgunsgrad mit Radabstellplätzen ist in den Bezirken 8 und 22 am höchsten und erreicht den Motivationsbonus zum Alltagsradfahren fast! Die Bezirke 6, 2 und 9 sind gut im Plan, wenn es im Jahr 2020 8% Radverkehrsanteil gibt. Die Bezirke 7, 4, 20, 18, 5 und 15 hinken etwas, die Bezirke 17 und 3 deutlich hinterher. Hier gilt es, Ausbauraten deutlich zu erhöhen, um die absehbaren Rückstände im Jahr 2020 zu vermeiden.

Wesentlich schlechter läuft es in den Bezirken 21, 16, und 14. Wenn im selben Tempo weiter ausgebaut wird, wird hier im Jahr 2020 einer von drei nötigen Radabstellplätzen fehlen. Nur die Hälfte der notwendigen Plätze werden in den Bezirken 1, 13, 12 und 10 verfügbar sein. Die Bezirke sind dazu aufgerufen, jetzt Maßnahmen (Ausbauprogramm) zu setzen, um diese absehbaren Misstände abzufedern. Wer in den Bezirken 23, 11 und 19 im Jahr 2020 sein Rad abstellen will, wird lange nach einem Radabstellplatz suchen. Hier wird ohne Ausbauprogramm nur einer von drei notwendigen Radbügeln vorhanden sein. Ein großer Hemmschuh fürs Alltagsradeln.

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Bestand 2011, Bestand 2016 und voraussichtlicher Bestand 2020 im Verhältnis zum Bedarf 2020 (Die Bezirke sind nach dem Versorgungsgrad 2020 gereiht(, von Radlobby Wien

Ranking der Bezirke - Aufsteiger und Schlusslichter

Uns ist es ein Anliegen, dass es 2020 alle Bezirke über die Ziellinie schaffen. Dazu haben wir ein Ranking der Entwicklungen 2011 bis 2016 erstellt und die Entwicklungen in das Jahr 2020 extrapoliert. Aus den Versorgungsgraden der Bezirke (Basis 2020) ergibt sich jeweils eine Platzierung im Feld der 23 Starter. Hier wird auf einen Blick erkennbar, welche Bezirke ihre Hausaufgaben machen oder angehen und welche im Feld zurückfallen.

Bemerkenswert sind die Aufsteiger von 2011 bis 2016: Der 15. Bezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus hat durch seinen Ausbau (+83% Bügel) neun (9!) Plätze gut gemacht. Einen ähnlichen Ausbau (+72%) hat auch der 10. Bezirk hinter sich, startete aber von sehr niederem Niveau (+2 Plätze). Der 2. Bezirk hat durch seinen Ausbau (+42%) Platz 9 verlassen und ist auf Platz 6 vorgerückt. Der dritte Bezirk hat ebenfalls zwei Plätze gut gemacht (+40%). Während diese Bezirke auf der Überholspur sind, gibt es Performanceprobleme in anderen Bezirken.

Der Ausbau in den Bezirken 1 und 14 geht langsam voran, jeweils vier Plätze haben die Bezirke dadurch verloren. Die Bezirke 5, 21 und 12 entwickeln sich unterdurchschnittlich, sie sind jeweils 2 Plätze zurück gefallen. Beinahe unverändert verhält es sich bei den Schlusslichtern, den Bezirken 23, 11 und 19.

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Ranking der Bezirke in den Jahren 2011, 2016 und 2020 (Trendfortschreibung), von Radlobby Wien

Ausbauprogramme jetzt beschließen!

Die Radlobby Wien sieht in den Wiener Bezirken (außer in den Bezirken 8, 22, 6, 2 und 9) massiven Grund zur Sorge um ausreichend Abstellplätze. Die Bezirke sind dazu aufgerufen, ein Ausbauprogramm zu konzipieren, das den Investitionsbedarf und auch Raumbedarf der notwendigen zusätzlichen Radabstellplätze beziffert. Ein Ausbauprogramm kann mit einem Umsetzungsplan (Zeitraum 2017-2020) und eine Kostenbedeckung in der Bezirksvertretung beschlossen werden, um eine nachhaltige Umsetzung zu begünstigen.

Den Forschungsbereich Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der TU Wien können wir - aufbauend auf die umfassende Studie ARNIKA -  als Ansprechpartner für so ein Konzept empfehlen. (Dipl.‐Ing. Dr. Paul Pfaffenbichler - Kontakt)

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist Teil einer Artikelserie zum Thema Radparken. In diesem Artikel steht die Gesamtzahl der Fahrradabstellplätze im Fokus. Da die offiziellen Aufzeichnungen die Anzahl auf Bezirksebene - und damit auf der Zuständigkeitsebene - ausweisen, nehmen wir intensiv Bezug auf die Wiener Bezirke. Die räumliche (Fein-)Verteilung und andere Qualitäten werden in kommenden Artikeln thematisiert.

Rückfragen:
Detaillierte Informationen zu den Studieninhalten finden Sie hier.
Für eigene Analysen stellen wir Ihnen unten einige Rohdaten als .csv zur Verfügung.
Detaillierte Fragen werden gerne bei unserem Radlobby Wien JourFixe persönlich beantwortet.