40 Jahre ARGUS: Eine Erfolgsgeschichte

Am 12. Juli 1979 wurde ein Verein ins Vereinsregister eingetragen, der die Verkehrspolitik der nächsten Jahrzehnte mitbestimmen sollte: Die Arbeitsgemeinschaft Umweltfreundlicher Stadtverkehr (ARGUS). Bis heute setzt sich der mitgliederstärkste Radfahrer-Verein Österreichs für bessere Infrastruktur, höhere Investitionen in den Radverkehr und mehr Sicherheit auf Österreichs Straßen ein.

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Die ARGUS-Radler: v.l.n.r.:Erich Pekar, Ulla Sieber mit Christian Pekar hinten drauf, Helmut Koch, Peter Czermak, Walter Urbanek (Ausschnitt Kronenzeitung Juni 1979)

Wie alles begann

Das entscheidende Ereignis für den Start der Ökobewegung in Österreich war die Formierung einer bunten Anti-Atom-Bewegung und deren Erfolg durch die gewonnene Volkabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf im Jahr 1978. Die Abstimmung ergab eine knappe Mehrheit gegen die Inbetriebnahme des fast fertigen Atomkraftwerks. Der Schwung dieses ersten Erfolgserlebnisses der Ökobewegung wurde sofort für die Inangriffnahme neuer Projekte genutzt.
Am 9. Juni 1979 fand die erste ARGUS-Fahrradsternfahrt in Wien statt. Der Erfolg mit einer Teilnehmerzahl von ca. 2000 Radfahrenden war unerwartet groß. Gemeinsam radelte man über die Ringstraße bis zur Schlusskundgebung am Rathausplatz. "Es war ein toller Erfolg", erinnert sich Helmut Hiess, einer der ARGUS-Gründerväter. "Uns war dann sofort klar. Wir machen weiter."
Es wurde klar,  dass es wichtig sein wird, sich zu institutionalisieren. "Um die Demos anzumelden zum Beispiel, ist es notwendig gewesen, einen Verein zu gründen", erzählt Hiess: "In Österreich zählt man ja wenig, wenn man nicht zumindest als Verein organisiert ist."

Registereintrag am 12. Juli

Am 12. Juli 1979 ist es dann soweit: Die ARGUS wird ins Vereinsregister eingetragen. Erste Obfrau des Vereins wird Ulla Sieber. Ulla kann über das Alternativreferat Geldmittel aufbringen, die z.B. für das Drucken von Flugblättern und Plakaten anlässlich der Radsternfahrt verwendet wurden. Kassier wir Christian Pekar, damals der einzige Wirtschaftsstudent der Aktivisten. „Die frühe ARGUS befasste sich nicht nur mit dem Radverkehr, sondern auch mit dem öffentlichen Verkehr, der Verkehrsvermeidung, etc.“ (Christian Pekar) Mit dabei sind laut ARGUS-Aufzeichnungen auch Walter Urbanek und Helmut Koch (beide damals Raumplanungsstudenten) sowie Helmut Jung, der Biologie studiert. Etwa 10 bis 20 Aktive bildeten den Kern der Gruppe.

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Walter Urbanek (Ausschnitt Kronenzeitung Juni 1979) / Erstes ARGUS-Logo 1979 / Plakat der 1. Radsternfahrt 1979

Worum es den Gründern der ARGUS in erster Linie ging, wurde 1979 in einem Flugblatt formuliert. Seither sind 40 Jahre vergangen, einiges hat sich natürlich geändert (die Unfallzahlen sind entscheidend zurückgegangen), doch so manches kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Hier der Wortlaut:

„Die Planung für den Autoverkehr hat in den letzten 20 Jahren das Leben von Millionen Menschen in Stadt und Land beeinflusst. Kaum ein Ort ist verschont geblieben von den schlimmen Folgen falsch geplanten Autoverkehrs. Hohe Unfallziffern, dauernde Lärm- und Abgasbelastungen, asphaltierte und zugeparkte Plätze und Gehsteige, für Verkehrszwecke vernichtete Grünanlagen, Vorgärten und Alleen sind allgegenwärtig.
Verkehrspolitiker haben das Auto jahrelang als Inbegriff der Freiheit und des wirtschaftlichen Aufschwungs bezeichnet. Die Verkehrsingenieure haben die Autoflut als Sachzwang deklariert, gegen den man nichts tun konnte. Diese Windschutzperspektive hat ihnen den Blick dafür verstellt, dass auch heute noch in den Städten der Fußgängerverkehr und der Radverkehr sowie der öffentliche Personennahverkehr die weitaus größten Anteile des Verkehrsaufkommens ausmachen. Trotz dieses durch vielfältige Untersuchungen gesicherten Tatbestandes blieben Politik und Planung auf das Auto fixiert. Aufgrund dieser einseitigen Haltung von Politikern und Technokraten müssen wir als Betroffene selber über Alternativen und Verbesserungsvorschläge nachdenken. Hiermit machen wir Vorschläge, wie man die schlimmsten Auswirkungen herkömmlicher Verkehrsplanung beseitigen kann und wie man in Zukunft besser mit dem Auto leben kann.
Wir verstehen uns als Bürgerinitiative, die sich vor allem für die umweltfreundlichen Alternativen im Verkehr einsetzt: Dazu wollen wir eine Interessenvertretung all jener Verkehrsteilnehmer aufbauen, die derzeit im Verkehrsgeschehen in Österreichs Städten stark benachteiligt werden. Sie sind in den verkehrspolitischen Gremien bisher gar nicht oder nur indirekt vertreten: Fußgänger, Radfahrer, Öffentliche-Verkehrsmittel-Benützer, Kinder, Betagte, Behinderte und alle von Lärm und Abgas geplagte.“

Auf der Rückseite dieses Flugblattes wurden vier Ziele formuliert:

  1. Weniger statt mehr Verkehr
  2. Vorrang für Fußgänger und Radfahrer
  3. Vorrang für den öffentlichen Verkehr
  4. Verkehrsberuhigung für Lkw und Pkw

Forderungen nach Kulturzentren

In den 1970er Jahren, war die Wiener Stadtentwicklung geprägt von einer Abriss- und Neubaupolitik. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass z. B. geplant war, anstelle des Naschmarktes eine Autobahn zu errichten oder das Spittelbergviertel abzureissen und durch Gemeindebauten zu ersetzen. Durch Proteste von engagierten BürgerInnen konnten Pläne solcher Art glücklicher Weise verhindert werden. Darüber hinaus wurden durch „Hausbesetzungen“ (wie etwa jene des Amerlinghauses 1975, oder der Arena 1976, dem Jahr, in dem auch die Reichsbrücke einstürzte) die Errichtung von Kultur- und Kommunikationszentren gefordert.

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Die besetzte Arena im jahr 1976

Als erstes konnte das Amerlinghaus 1978 als Kulturzentrum erhandelt und eröffnet werden, es folgten 1981 das „WUK“ (Währinger Straße) und die „GAGA“, ein ehemaliges WÖK-Gebäude als „autonomes Jugendzentrum“ in der Gassergasse im 5. Bezirk. Dort entstand auch eine Fahrradwerkstatt, deren Aktivisten erste Kontakte zur ARGUS knüpften.
Die „Fahrradbewegung“ traf sich nun 1x wöchentlich im Amerlinghaus und 1983 orientierte sich die ARGUS durch den „Neuzugang“ aus der Fahrradwerkstatt Gassergasse (die „GAGA“ wurde übrigens in eben diesem Jahr zwangsgeräumt und abgerissen) neu und konzentrierte sich ab da auf die Förderung des Radverkehrs. In diesem Jahr wurde auch der europäische Dachverband der Radfahrorganisationen ECF gegründet und es wurden erste Kontakte mit den Organisationen anderer Länder geknüpft.

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Besetzung des Amerlinghauses, 1975

Zu den wöchentlichen Treffen im Amerlinghaus kamen an die 30 ARGUS-AktivistInnen, im Anschluss wurde ein nahes Gasthaus besucht, wo bis spät in die Nacht weiter diskutiert wurde. Ab November 1985 fanden die ARGUS-Treffen dann im neu eröffneten ARGUS-Fahrradbüro in der Frankenberggasse statt.

Chronologie 1983-1989

1983: Die ARGUS orientiert sich neu, die Förderung des Radverkehrs wird Hauptthema.

1984: Die erste Ausgabe der Mitgliederzeitschrift “Drahtesel” erscheint (4 Seiten, Auflage 2.000 Stück), ebenso der ARGUS-”Fahrrad-Schleichwegeplan“ (8 Routen von den Außenbezirken ins Zentrum) im Falterverlag, DI Glaser (MA 46) wird als “Radwegekoordinator” eingesetzt und Bürgermeister Zilk verspricht demnächst die Eröffnung des Ring-Radweges (Zilk soll damals den Beamten mit folgenden Worten „Beine gemacht“ haben: “Wenn das nicht bald geschieht, nimm’ i selber einen Kübel Farbe und mal das!“). Bereits zum sechsten Mal findet die ARGUS-Radsternfahrt aus den Bezirken zum Rathaus statt. 1984 gibt es die zweite Velo-City-Konferenz  in London (die erste war 1980 in Bremen).

1985: ARGUS wird ab da auf Weisung von Bürgermeister Zilk zu Ortverhandlungen der Verkehrsbehörde MA 46 eingeladen, “Grüne Bügel” – Radabstellanlagen nach einer ARGUS-Idee (Vorbild London) – aufgestellt, der Fahrradtransport ab Mai in der U-Bahn erlaubt, das erste Teilstück des Ring-Radweges fertig gestellt, das ARGUS-Fahrradbüro in Wien 4., Frankenberggasse im November eröffnet. ARGUS organisiert erste Radausflüge mit bis zu 50 Teilnehmern.

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Das ARGUS-Büro in der Frankenbeggasse in den 80-er Jahren

1986: Reparaturkurse werden im ARGUS-Fahrradbüro angeboten, erstes Fahrradinitiativentreffen in Wien organisiert, es gibt im Sommer einen ständigen ARGUS-Infostand bei der Steinspornbrücke auf der Donauinsel. ARGUS bietet Passau-Wien-Fahrten an, ab Sommer ist die Fahrradmitnahme in den S-Bahngarnituren der ÖBB möglich, die erste Ausgabe des „ARGUS-Stadtplan Wien für RadlerInnen“ im Verlag Freytag & Berndt erscheint. Die ARGUS erkämpft die erste für den Radverkehr geöffnete Einbahnstraße in Wien und zwar in der Frankenberggasse, wo sich das ARGUS-Fahrradbüro befindet - Dank der vielen illegal radelnden Fahrradbüro-BesucherInnen. Die „Radroute West“ (eine der acht Routen aus dem ersten Schleichwegeplan) ist in Planung, ARGUS-Tirol wird gegründet.

1987: Der “Drahtesel” Nr. 2/87 erscheint erstmals mit Schmuckfarbe und bereits 32 Seiten, die ARGUS bringt die 1. Radtourenkarte  heraus (später ausgelagert in den Verlag “bikeline”), der Ring-Radweg wird im Sommer fertig, der VCÖ nimmt seine Tätigkeit auf, ebenso der Fahrrad-Botendienst Veloce, beides geht aus der ARGUS hervor. In Baden wurde B.I.E.R. (Badener Initiative echter Radfahrer) gegründet (daraus wird viele Jahre später das „Fahrrad-Studio“ Baden). Velo-City-Konferenz in Gronien/NL, fünf ARGUS-Aktivisten nehmen teil.

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"Radfahren in Wien", 8 Routen durch die Stadt, "Schleichwege"-Plan auf verkehrsarmen Nebenstraßen, Falter Verlag 1984.
1. Ausgabe des "ARGUS-Stadtplan Wien für RadfahrerInnen", Freytag und Berndt, 1986.
Radtourenkarte Blatt 1, nördliches NÖ, Eigenverlag 1984.

1988: Die Radtourenkarten Nr. 2 und Nr. 3 erscheinen bereits als wirtschaftlich selbstständiges Unternehmen, ARGUS beginnt für einige Jahre einen Stand auf der Wiener Ferienmesse zu organisieren, die Bahn erfüllt den Wunsch nach kostenlosem Fahrradtransport, in Wien erlaubt Bürgermeister Zilk die Einfahrt per Fahrrad ins Rathaus. In Wr. Neustadt entsteht die Fahrradinitiative „Dinamo“, in Graz “gRadz”, „SoliRADität“ in Klagenfurt und „a-Velo Wels“ in Wels. 

1989: Die ARGUS-Bezirksgruppe 21/22 wird gegründet, ein Fahrradinitiativentreffen in Graz organisiert, dabei startet der Versuch, einen Dachverband „Ö-Rad“ ins Leben zu rufen. Die ARGUS beginnt sich mit dem Thema „Bergradeln“ zu beschäftigen und setzt diverse Aktivitäten, in Wien startet die ARGUS die Aktion „Luftballons gegen Falschparker“, die „ARGUS-Radreisekartei“ wird aufgelegt (Radreisende geben ihre Erfahrungen an andere weiter), die „ARGUS-Radfahrschule“ auf der Donauinsel (mit VHS) ins Leben gerufen, auf Initiative von ARGUS-Mitarbeitern wird „IG zu Fuß“ gegründet, in Salzburg startet der „VELOclub Salzburg“. Die Velo City-Konferenz tagt in Kopenhagen, ARGUS-Aktivisten sind vom dortigen Radfahrgeschehen tief beeindruckt.