Wien: Vier Pop-Up-Radwege

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Was zuvor nur langsam vonstatten ging, geht nun zur Bewältigung der Krise plötzlich ruck-zuck: Städte auf der ganzen Welt ergreifen Maßnahmen zur Verbesserung des Rad- und Fußverkehrs. Auch Wien hat dank der Forderungen von Radlobby Wien und der Initiative Platz für Wien nun vier Pop-Up-Radspuren. Mehr als ein erster Schritt kann das allerdings nicht sein.

Mehr Platz für´s Rad! 

Die Pandemie macht deutlich, was vielen bereits lange bewusst ist: Das Fahrrad ist ein sicheres und krisenfestes Verkehrsmittel, das großen Teilen der Bevölkerung unkompliziert zugänglich ist. Die Wiener Radverkehrs-Zählstellen zeichneten im Mai 2020 ein Plus von 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, der ORF berichtete.

Bei zwei (Wienzeile, Liesingbach) der dreizehn Radzählstellen in Wien hat sich die Zahl der Radfahnden verdoppelt. An der Wienzeile waren demnach im Mai 2020 65.838 Radfahrer unterwegs (plus 130,7 Prozent), am Liesingbach 27.748 (plus 113,1 Prozent). Seit November 2019 ist auch die letzte Lücke des Wiental-Radwegs im Bereich Getreidemarkt-Naschmarkt geschlossen.

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Viele Geh- und Radwege sind jedoch nach wie vor zu schmal - in Österreich und auch in vielen anderen Teilen der Welt. Radfahrende und Zu Fuß Gehende sind auf engem Raum zusammengepfercht und kommen oftmals nur schleppend voran, während für den motorisierten Verkehr ein Großteil des öffentlichen Raums reserviert bleibt. 

Vier Stück mit nur 2,5 Kilometer

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie und der Vorgabe, zueinander einen Meter Sicherheitsabstand einzuhalten, setzten Stadtverwaltungen in der ganzen Welt Maßnahmen, um ein zügiges und sicheres Vorankommen aller Verkehrsteilnehmenden zu gewährleisten: Sei es mit temporären Radwegen, Gehsteigen, Fußgängerstraßen oder Begegnungszonen.

Auch Österreichs Straßen haben ein großes Potential, allerdings ist bisher in diese Richtung kaum etwas passiert. Für Wien hat die Initiative Platz für Wien in Zusammenarbeit mit der Radlobby Wien einen Katalog von möglichen temporären Radwegen in Wien erstellt. Sie ergeben zusammen ein Netz von 130 Kilometern neuen Radspuren. Immerhin vier davon – in der Praterstraße, der Wagramer Straße, der Lasallestraße und der Hörlgasse - wurden bisher umgesetzt. 

Die bisher umgesetzte Länge beträgt nur 2,5 der 130 Kilometer. (Stand 25.6.2020)

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Hier können Sie die Liste der Forderungen von insgesamt 130 km temporären Radfahranlagen ansehen:

1. Praterstraße (0,7 km)

Stadträtin Birgit Hebein reagierte schnell, bereits zwei Tage nach der Präsentation der Forderungen wurde die Praterstraße zum ersten Pop-Up-Radweg Wiens. Die für den Radverkehr freigegebene rechte Fahrbahnspur stadtauswärts macht es seither Menschen am Rad leichter, zügig voran zu kommen. Bisher musste man sich auf dem schmalen Einrichtingsradweg mit vielen anderen den unzureichenden Platz teilen.

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2. Wagramer Straße (0,2 km)

Der Pop-Up Radweg auf der Wagramer Straße machte Hoffnungen auf eine Besserung. Denn diese Straße ist eine einzige 1,7 Kilometer lange Lücke von der Kagraner Brücke bis zum Kagraner Platz. Verdutzt haben wir dann erkannt, dass der Pop-Up-Radweg nur 0,2 km kurz ist. Auch bis zum Redaktionsschluss gibt es keinen Pop-Up-Radweg bis zum Kagraner Platz.
Das Projekt liegt auf einer wichtigen Route, jedoch viel zu kurz. In diese Kerbe schlägt auch Platz für Wien Sprecher Ulrich Leth auf Twitter. "Wo bleibt das Netz?"  fragt er abschließend.

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3. Hörlgasse (1,9 km)

Anfang Juni bekam Wien seinen dritten und längsten Pop-Up-Radweg in der Hörlgasse! Die Gesamtlänge der Pop Up Bikelanes wurde mit dem zusätzlichen Kilometer mehr als verdoppelt. (von 0,88 auf 1,92 km). Verkehrsstadträtin Birgit Hebein und Bezirksvorsteherin Saya Ahmad eröffneten den Radweg persönlich. Jahrelang demonstrierten die AnwohnerInnen, lief die politische Diskussion, zuletzt forderte Bezirksvorsteherin Saya Ahmad (SPÖ) von der Stadt Wien die gemeinsame Umgestaltung zur kühlen Straße mit Radwegen & hoher Lebensqualität. Der Pop-Up-Radweg ist ein wichtiger Schritt - der Trailer quasi - zur dauerhaften Umgestaltung der Hörlgasse.

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4. Lasallestraße (0,6 km)

Ab der Venediger Au führt eine Pop-Up-Radspur in der Lassallestraße stadtauswärts zur Reichsbrücke. Eine große Entlastung für den Radverkehr, denn auf dieser Straßenseite fehlt seit vielen Jahren ein Radweg. Die Lassallestraße verbindet die Stadt mit der Donauinsel und Transdanubien und ist Teil der Rad-Langstrecke Nord. Statt mehreren Seitenwechseln, Ampeln und Gänsemarsch kann man hier nun geradlinig weiterradeln. Es ist Platz zum Überholen und teilweise grüne Welle stadtauswärts.

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Nebenschauplatz: Welche Ampel gilt für Pop-Up-Spuren?

Bezüglich der Ampeln an Pop-Up-Spuren:

Die MA 46 meint einem Medienbericht zu Folge, für Radstreifen gelte die allgemeine Ampel. Die Fahrradampel gelte nur für all jene, die den baulich getrennten Radweg (rechts daneben) benützen.

Die Radlobby Sicht dazu: Vor Gericht zählt die StVO und nicht diverse Medienberichte - und laut STVO müssen sich Radfahrende an Radfahr-Ampeln halten, wenn sie aus der betreffenden Richtung kommen. So gesehen ist der Ausgang eines Verfahrens dazu zumindest ungewiss. Wir empfehlen derzeit, nach der Rad-Ampel zu fahren. Dies ist auch ein wichtiges Thema für die kommende StVO Novelle auf Bundesebene: Die Lichtzeichen für alle verständlich und rechtlich einwandfrei zu machen. 

Wien: Vom Reden ins Handeln kommen!

Wien steht im Verkehr unter Zugzwang: Abstände gegen Ansteckung sind zu wahren und es braucht Alternativen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Autoverkehr. Radgeschäfte sind ausverkauft, Reparatur-Termine gibt es erst wieder im August. Die Leute brauchen auch Platz, um ihre Fahrräder zu benützen!

Jetzt ist es an der Zeit, den bestehenden Fahrrad-Fleckerlteppich rasch durch Radwege oder geschützte Radstreifen zu verbinden, sodass ein durchgängiges Radnetz entsteht. Fragt man jene, die noch nicht Rad fahren, so wünschen sie sich am meisten die Trennung vom motorisierten Verkehr, um gefühlt und tatsächlich sicher unterwegs zu sein. Für neue Radwege eignen sich meist Hauptstraßen am besten, da diese häufig breit und durchgängig sind und somit die offensichtlichsten Routen bieten. Neuer Platz für den Radverkehr kann leicht durch eine bessere Nutzung von Fahrstreifen und Parkstreifen geschaffen werden. Der Fließverkehr - inklusive Radverkehr - muss auf Hauptstraßen priorisiert werden. Dort sollten dauerhaft abgestellte Fahrzeuge die Ausnahme sein.

Die Sorge um Parkplätze ist anscheinend doch nicht so begründet wie oft getan wird: Die Stadt Wien hat Mitte März innerhalb einer Woche 30.000 verbilligte Garagenparkplätze aus dem Hut gezaubert, die offensichtlich bisher meist leer stehen. Das entspricht Längsparkstreifen in einer Länge von 150 Kilometern!

Wir unterstützen die Forderung der Initiative Platz für Wien nach 130 km Pop-Up-Radwegen und 300 km neuen Radwegen an Hauptstraßen bis 2030! Jetzt hier unterschreiben! 

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