Die Stadt Wien investiert auch dieses Jahr wieder in Gesundheit, Verkehrssicherheit und die Aufwertung ihrer Straßen und Plätze. Ende Februar präsentierte Verkehrstadträtin Ulli Sima (SPÖ) und NEOS-Mobilitssprecherin Angelika Pipal-Leixner das Wiener Bauprogramm Radverkehrsanlagen. Die Radlobby trifft die verkehrspolitische Einschätzung und stellt einen starken Rückgang der Vorhaben im Vergleich zu den Bauprogrammen der Vorjahre fest.
Ausbau geht deutlich zurück
Heuer investiert die Stadt weniger in Radinfrastruktur als in den letzten Jahren. 2026 werden voraussichtlich rund 20 Mio. Euro investiert, im Vorjahr 2025 waren es noch rund 57 Millionen gewesen. “Dass der Ausbau nicht auf dem Niveau der letzten Jahre fortgesetzt wird, vergrößert die ohnehin schon bestehende Umsetzungslücke und entspricht auch nicht den Zielen der Stadtregierung.”, analysiert Radlobby Wien-Sprecher Roland Romano.
Die Enttäuschung ist groß, weil die Stadt trotz der enormen gesellschaftlichen Benefits des Fahrrads und dem selbstgesteckten Ziel einer signifikanten Erhöhung des Radverkehrsanteils in Wien genau hier spart. Auch bei Bundesmitteln ist ein Rückgang zu verzeichnen. Gerade in Zeiten höchster Gesundheitskosten durch Bewegungsmangel ist es geboten, ins Radfahren als Prävention zu investieren. Im Gegensatz zu geplanten Einsparungen beim Rad dürfte es für umstrittene Auto-Großprojekte – etwa Lobauautobahn und überdimensionierte “Stadtstraße” – mehr als genug Geld geben.
Es stehen 33 Rad-Bauprojekte mit einer Anlagenlänge von 12,5 km im diesjährigen Bauprogramm. Diese entsprechen unseren Analysen nach ca. einer effektiven Netzlänge von 11,3 km. Bereinigt um verschobene Projekte aus den Vorjahren enthält das diesjährige Bauprogramm 25 neue Projekte mit einer Netzlänge von 8,1 km. Insgesamt entspricht die Netzlänge aller Projekte etwa 52 Prozent, die der neuen Projekte etwa 38 Prozent der Netzlänge des Bauprogrammes des Vorjahres (2025, 22 km). Vergleicht man die Vorhaben (Bauprogramm 2026) mit den tatsächlich umgesetzten Projekten des Vorjahres (Bilanz 2025), so entsprechen diesjährige Vorhaben mit 11,3 km etwa 57 Prozent der Umsetzungen des Vorjahres (Netzlänge 19,7 km).
Wir messen die Fortschritte am Umsetzungsgrad der PlatzFürWien-Forderungen für den Zeitraum 2020-2030, die im Rahmen der Wien-Wahl 2020 von über 57.000 Menschen unterzeichnet und von SPÖ, NEOS und GRÜNEN unterstützt bzw. in deren Wahlprogramm aufgenommen wurden. Die notwendigen 51 Kilometer (30 km Radwege, 11 km Radschnellverbindungen und 10 km Fahrradstraßen) pro Jahr werden 2026 haushoch verfehlt werden. Es sind nur 8,1 Kilometer neue Projekte geplant. In Summe stehen 11,3 km Netzlänge im Bauprogramm, was lt. Stadt Wien 12,5 km Anlagenlänge entspricht. In den Vorjahren waren es noch meist über 20 Kilometer gewesen, siehe Radlobby-Analysen 2024 und 2025.
Die Kürzung der Mittel und Kilometer dürfte auch mit Versäumnissen auf Bundesebene zu tun haben. Bis zum Redaktionsschluss Ende Februar 2026 wurden seitens BMIMI und Bundesminister Peter Hanke (SPÖ) keine klimaaktiv-Bundesmittel 2026 bereitgestellt, Wien kann hier also bisher nichts beantragen. In den letzten 5 Jahren hatte Wien bis zur Hälfte seiner Radoffensive aus Ko-Finanzierung des Bundes getätigt.
Auch mit reduziertem Budget wäre es jedoch möglich, durch den Einsatz günstigerer Maßnahmen ein hohes Ausbau-Niveau zu halten. Beispiele dafür sind die geschützten Radstreifen durch physische Trennelemente in der Eichenstraße und am Neubaugürtel sowie in der Rathausstraße. Die Anlageform wird als “Leichtbauweise” mit “adaptiven Maßnahmen” zwar eingesetzt, allerdings nur bei einer Hand voll Projekten. Ein guter Anfang, hier gibt es aus Sicht der Radlobby großes Potenzial. Dass Wien geschützte Radstreifen kann, zeigt unsere umfassende Beispielsammlung seit 2017.
Highlights
Die geplanten Projekte haben aus Radlobby-Sicht meist eine hohe Qualität und sind an den richtigen Stellen im Hauptradverkehrsnetz angesiedelt. Beim koordinierten Ausbau über mehrere Jahre entstehen gerade einige neue, lange Verbindungen. Hier die diesjährigen Highlights aus Radlobby-Sicht:
Brünner Straße
Die lang geforderten Verbesserungen der von vielen Radfahrenden seit Jahren als „unerträglich“ beschriebenen Rad-Bedingungen auf der inneren Brünner Straße in Floridsdorf 2026 kommen endlich: Zwischen Floridsdorfer Spitz und Katsushikastraße schließt ein Zweirichtungsradweg die aktuell bestehende Lücke im Radnetz. In Kombination mit bestehenden Radwegen ergibt sich damit eine durchgehende Verbindung von der Shuttleworthstraße bis über die Donau in die Brigittenau. Der Radwegebau hier ist ein großer Erfolg, für den sich die Radlobby mehr als ein Jahrzehnt eingesetzt hat. Als nächstes hoffen wir auf den Lückenschluss in der äußeren Brünner Straße (Shuttleworthstraße bis Gerasdorfer Straße) ab 2027.
Landstraßer Hauptstraße
Wie bereits Ende 2025 angekündigt, werden auf der Landstraßer Hauptstraße zwischen Juchgasse und Schlachthausgasse heuer beidseitige Einrichtungsradwege gebaut. Diese verlängern den im Vorjahr errichteten Radweg nach St. Marx. Was mit der inneren Landstraßer Hauptstraße passiert, steht allerdings noch in den Sternen. Zwei Abschnitte mit Begegnungszonen wurden bereits konzipiert und präsentiert. Wann jedoch Tempo 30 als Sofortmaßnahme und ein Umbau dieser Abschnitte jeweils kommt, ist ungewiss.
Neilreichgasse & Landgutgasse
Der Zweirichtungsradweg zwischen Hasengasse und Davidgasse wurde in der Radweg-Offensive Favoriten ursprünglich bereits für 2024 angekündigt, schließlich 2025 im Bauprogramm. Nun wurde dieser für 2026 wieder im Bauprogramm angekündigt. Die Neilreichgasse ist in Zentral-Favoriten eine der wichtigsten Hauptradrouten in Nord-Süd-Richtung. Der Radweg verbindet die neuen Radwege an der Landgutgasse mit der Radroute Davidgasse. Mit der Radweg-Offensive wurde seit 2020 endlich ein prinzipielles Grundgerüst an Radrouten im nördlichen Favoriten geschaffen. Große Lücken gibt es weiterhin, man kommt aber deutlich besser voran. Über die Landgutgasse wird auch noch eine Verbindung über den Gürtel zur Kliebergasse geschaffen, wo aus Radlobby-Sicht perspektivisch eine Hauptradroute zum Wiental entstehen soll.
Mariahilfer Straße (Bauphase 2)
Heuer wird auch am neuen Radweg in der Äußeren Mariahilfer Straße weitergebaut. Letztes Jahr wurde der Abschnitt von Gürtel bis Clementinengasse fertiggestellt, heuer soll bis zur Anschützgasse, also bei der Straßenbahnremise, weitergebaut werden, bevor der dritte Bauabschnitt bis zur Schloßallee umgesetzt wird. Die Hauptradroute auf der Mariahilfer Straße ist eine der wichtigsten Radialverbindungen im Westen Wiens und hat das Radfahren hier deutlich verbessert. Wir schätzen es, dass hier konsequent ausgebaut wird.
Erzherzog-Karl-Straße & Donaustadtstraße
Der Lückenschluss in der Erzherzog-Karl-Straße wurde auch bereits 2025 angekündigt. Damit wird man künftig angenehm von der Donaustadtstraße zur Kagraner Brücke radeln können. Der Abschnitt der Donaustadtstraße bei der Baustelle zwischen Lange Allee und Viktor-Kaplan-Steg, wo es bereits während der Bauzeit einen geschützten Radstreifen gab, wird in einen richtigen Radweg verwandelt. Mit den beiden Abschnitten werden zwei wichtige Tangentialverbindungen in der Donaustadt ausgebaut. Wir hoffen, dass bald die Fortsetzung in der Erzherzog-Karl-Straße in Richtung Seestadt folgt. Auf dieser stark mit Kfz belasteten Hauptstraße klafft ab 2027 dann eine “nur noch” rund drei Kilometer lange Lücke zur Seestadt Aspern, die zeitnah geschlossen werden sollte.
Obere Donaustraße
Auf der Oberen Donaustraße schließt ein ostseitiger Zweirichtungsradweg die bisherige Lücke zwischen Rossauer Brücke und Siemens-Nixdorf-Steg nach einer größeren Hochbaustelle. Damit ist die Gegend um den Gaußplatz und die Hauptradroute Wasnergasse von der Innenstadt aus auf direktem Weg erreichbar. Eine weitere Forderung der Radlobby wird umgesetzt: Der Radweg Obere Donaustraße wird als geschützter Radstreifen ausgeführt. Er bleibt auf Fahrbahnniveau und wird durch Grünflächen und Stellplätze vom motorisierten Hauptstraßen-Verkehr abgetrennt. Das ermöglicht eine kostengünstigere und schnellere Umsetzung, siehe Fazit unten.
Radroute am Liesingbach
An der Liesing schreitet mit der Renaturierung auch der Ausbau der Radinfrastruktur voran. Die Auer-Welsbach-Straße, wo man auch bisher schon gut fahren konnte, wird auf 0,6 km zu einer Fahrradstraße aufgewertet. Dieses Projekt war ursprünglich für 2025 angekündigt und ist nun die einzige Fahrradstraße im diesjährigen Bauprogramm. Notwendig wären jährlich 10 km Fahrradstraßen.
Anschließend an den im Herbst fertiggestellten Radweg um den Atzgersdorfer Platz wird der Radweg über den Liesinger Platz bis zum Einkaufszentrum Riverside aufgewertet.
Ringstraße
Interessanterweise wurden zum Ausbau des Ring-Radweges im Rahmen der im Regierungsprogramm festgelegten Neugestaltung der Ringstraße 2026-2030 noch keine Details verlautbart. Die Präsentation wurde für Ende März angekündigt. Lesen Sie hier die Radlobby-Vision zur radfreundlichen Ringstraße.
Fazit zum Bauprogramm 2026
In Summe sind die Vorhaben ein Schritt vorwärts. Die Qualität und Verortung der meisten Projekte ist aus Radlobby-Sicht gelungen. Der deutliche Rückgang des Gesamtvolumens im Vergleich zu den Vorjahren ist eine völlig falsche Entwicklung. Viele erhoffte Projekte in Form von Fahrradstraßen und Radschnellverbindungen fehlen. Hier sollte dringend nachgebessert werden, um ähnliche und besser erhöhte Ausbauraten wie in den Vorjahren zu erreichen. Es bleibt zu hoffen, dass das Ausbauvolumen durch Fortschritte in der Projektentwicklung und der Budgetverfügbarkeit im Laufe des Jahres verbessert werden kann und so Projekte nachrücken können.
Das Bauprogramm 2026 sieht in den Bezirken Josefstadt, Rudolfsheim-Fünfhaus und Döbling nur einzelne oder kleinere Projekte vor. Gar keine Projekte sind in den Bezirken Mariahilf, Neubau, Simmering, Hietzing, Ottakring, Hernals, Währing und der Brigittenau geplant. In diesen Bezirken vermissen wir besonders die radfreundliche Gumpendorfer Straße, die Einbahnöffnung Stollgasse, den Radweg-Lückenschluss Simmeringer Hauptstraße, die Radwege Speisinger Straße, den Lückenschluss Ottakringer Straße, den Lückenschluss Richthausenstraße, den Radweg Jörger Straße und den Radwegebau auf der Hauptradroute Wallensteinstraße.
Positiv hervorzuheben ist die wieder genutzte “Leichtbauweise” für Radwege, bekannt als “geschützte Radstreifen”. Nach erfolgreichen Projekten in den Vorjahren in der Eichenstraße und am Neubaugürtel ist für dieses Jahr eine Umsetzung in der Althanstraße, der Erzherzog-Karl-Straße, der Oberen Donaustraße und der Leopold-Ferstl-Gasse geplant. Diese Projekte zeigen, dass es mit eingeschränktem Budget möglich ist, bauliche Radwege über weite Strecken umzusetzen. Wo kommendes Jahr geschützte Radstreifen zur Anwendung kommen ist - beispielsweise bei hoher Qualität in der Oberen Donaustraße - lt. Stadt Wien eine Kostenreduktion um 62% gegenüber einem baulichen Radweg erwartet. Es können mit demselben Budget also mehr als doppelt so viel Länge (Faktor 2,6 mehr) Radinfrastruktur realisiert werden.
Aus Sicht der Radlobby sollten weiters Radschnellverbindungen wie der “Radhighway West I" (über die Alser Straße stadtauswärts nach Neuwaldegg) und der "Radhighway Ost" (über den Rennweg nach Schwechat) höchste Priorität bekommen. Ebenfalls wichtig wären Verbesserungen auf der Triester Straße, der Linken Wienzeile und der Grünbergstraße. Verhältnismäßig kostengünstig und einfach umzusetzen wären geschützte Radstreifen wie am Neubaugürtel mit Beton-Trennelementen.
Radnetz-Dashboard Wien
Die Radlobby Wien betreibt das Radnetz-Dashboard Wien und dokumentiert damit die Entwicklung der Radinfrastruktur der Stadt Wien. Sehen Sie sich hier die Zahlen im Detail an.
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