Posse um Nibelungenbrücke: Radeln auf Fahrbahn "unmöglich, aber zumutbar"

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"Fahrbahn zu gefährlich für Radfahrer"

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Vor ein paar Wochen machte der Linzer Vizebürgermeister Markus Hein über eine FPÖ-Presseaussendung darauf aufmerksam, dass Radfahren auf der Fahrbahn der Nibelungenbrücke viel zu gefährlich sei. Es ging ihm damals darum, gegen illegal aufgemalte Warnmarkierungen auf der Fahrbahn aufzutreten: Unbekannte setzten damit einen verzweifelten Weckruf nach mehr Sicherheit. Sie wollten mit diesen „Sharrows“ zu schnelle AutofahrerInnen einbremsen - Radfahren sollte statt auf dem gefährlich schmalen Gehsteigradweg mit Absturzgefahr auch auf der breiteren Fahrbahn möglich werden.

Vizebürgermeister Hein meinte damals wörtlich zum Mischverkehr KfZ & Fahrrad: "Irre Straßenschmierer gefährden die Sicherheit von Auto- und Radfahrern [..] Es hat gute Gründe, warum Verkehrsexperten einen Mischverkehr auf der Nibelungenbrücke nicht für möglich halten."

Widerspruch der Stadt Linz: "Radfahren auf der Fahrbahn ist zumutbar"

Das Paradoxe: Die Stadt Linz zwingt nun selbst auf Initiative der Verkehrsplanung ein paar Meter weiter alle RadlerInnen auf diesselbe Fahrbahn in denselben gefährlichen Mischverkehr! Überfallsartig wurde vor dem Sommer eine von RadfahrerInnen vielgenutzte Rampe von der Brücke zum Donauradweg für den Radverkehr gesperrt. 11 Jahre konnte man dort sicher Radfahren, nun müssen alle ab auf die gefährliche Fahrbahn, zwischen zu schnelle Autos und tonnenschwere LKWs.

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Radweg-Ende - ab in den gefährlichen Mischverkehr! (Radlobby OÖ)

Die Stadt Linz meint, dass statt der Fahrt über die autofreie Rampe der Umweg über die Fahrbahn vor dem AEC zumutbar ist. Der Radverkehr muss sich hier jedoch in den oft 50 - 70 km/h schnellen Autoverkehr einordnen, eine Unachtsamkeit von AutofahrerInnen beim Spurwechsel bedeutet hier für Radfahrende Lebensgefahr. Und wenn es dort staut, stehen auch die Radfahrenden - die Fahrspuren sind zu schmal um vorbeizukommen.

Nochmals Widerspruch Stadt Linz: "Radfahren auf der Fahrbahn ist unmöglich!"

Die Linzer Verkehrsplanung meint übrigens gleichzeitig zum Radeln ein paar Meter vorher auf derselben Fahrbahn: „Das Befahren der Fahrbahn ist nicht möglich, da laut RVS 03.02.13 bei einem Mischverkehr von 50 km/h und einer Verkehrsstärke über 10.000 Kfz/24h kein Mischverkehr erlaubt ist.“

Die Radlobby fragte nämlich auch an, wie über die Nibelungenbrücke geradelt werden soll, wenn der Gehsteigradweg bei Veranstaltungen wie dem Urfahranermarkt von Fußgängermassen belegt ist.

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Eng & gefährlich: Gehsteig und Radweg auf der Linzer Nibelungenbrücke (Radlobby OÖ)

Wieso sperrt die Stadt Linz die sichere AEC-Rampe überfallsartig?

Auslöser dürfte eine einzelne Beschwerde eines Fußgängers über den Radverkehr gewesen sein. Nachdem die Radlobby Vizebürgermeister Hein eindringlich auf die Unverhältnismäßigkeit dieser Sperre hinwies, ließ er die Verkehrsplanung nochmals prüfen. Diese schwenkte dann offenbar in der Argumentation um: Nun wird behauptet, dass die Rampe zu steil zum Radeln sei.

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Hier konnte 11 Jahre lang sicher geradelt werden (Radlobby OÖ)

Darauf kommt die Linzer Verkehrsplanung nach 11 Jahren! Die Stadt Linz - der damalige für Raumplanung zuständige Stadtrat Luger, nunmehr Bürgermeister - hat übrigens bei der Errichtung der Rampe 2007 zugesagt, dass sie auch für Radverkehr benutzbar sein wird. Diese Zusage existiert sogar schriftlich, Hein kennt dieses Schreiben.

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Infografik zur Nibelungenbrücke und AEC-Rampe (Radlobby OÖ) | Download PDF

Absurde Argumentation: Die Rampe sei plötzlich zu steil

Nochmals zur Verdeutlichung: Die Rampe wurde 11 Jahre lang von RadfahrerInnen erlaubterweise benutzt. Es gab keine Unfälle. Die Rampe ist breit genug für einen kombinierten Geh- und Radweg. Sie nun wegen angeblich zu steiler Ausführung 11 Jahre nach Errichtung zwingend sperren zu müssen, entbehrt jeglicher rechtlicher Grundlage. Es sind hier immer die Maßstäbe zum Errichtungszeitpunkt anzulegen. Es gibt übrigens in Linz viele derartige Rampen für den Radverkehr - werden die nun wirklich alle gesperrt?

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RadfahrerInnen rollen langsam die AEC-Rampe runter (Radlobby OÖ)

Aber offenbar verwechselt die Stadt Linz hier sowieso Steigung und Gefälle: Regeln gibt es für zu hohe Steigung, aber hier geht es um Gefälle, weil RadlerInnen sowieso nur runterrollen können. Und hier sind keine anzuwendenden Regeln bekannt.

Rampe wieder öffnen & sicherer für FußgängerInnen machen!

Mehr als 50% aller RadlerInnen über die Nibelungenbrücke Richtung Norden nutzen die AEC-Rampe, um zum Donauradweg hinunterzurollen und sicher ihre Ziele in Urfahr anzusteuern. Durch die Sperre werden nun tausende RadlerInnen pro Tag in den gefährlichen Mischverkehr gezwungen.

Politik und Verkehrsplanung begehen einen Tabubruch, wenn sie im Jahre 2019 nur mitteilen können, dass sich RadfahrerInnen in einen Mischverkehr mit KfZ und Lkw stürzen sollen. Nach dem Ende dieses Radwegs, auf der Fahrbahn vor dem AEC fühlen sich vielleicht hartgesottene RadlerInnen wohl, nicht aber unsichere, jüngere oder ältere Menschen. Und die Aussage der Stadt Linz, dass so ein Verkehrsumfeld „zumutbar“ ist, obwohl alle maßgebenden Richtlinien hier die Schaffung von einem baulich getrennten Radweg vorgeben, ist selbst eine Zumutung: Die VCÖ-Grafik zeigt, wie stark die Gefährdung von RadfahrerInnen bei KfZ-Geschwindigkeiten um 50 km/h ansteigt.

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VCÖ: Geringeres Pkw-Tempo reduziert Risiko tödlicher Unfälle

Das Risiko, dass Radfahrende im Mischverkehr mit KfZ und Lkw auf der Fahrbahn schwer verunglücken, ist weitaus höher als die gegenseitigen Gefährdungen im langsamen (!) Mischverkehr von FußgängerInnen und RadfahrerInnen auf der Rampe. Vor allem können noch andere Optionen ergriffen werden: Um den FußgängerInnen auf der Rampe Priorität einzuräumen, sollte man statt mit einer Sperre mit Zusatzschildern versuchen, entgegenzuwirken, z.B. „Radfahren nur im Schritttempo!“. Weiters sind Piktogramme auf dem Boden und optische Linien denkbar, um zu schnell rollende RadfahrerInnen einzubremsen. Für Radfahrende in Richtung stadteinwärts ist die Route um das Neue Rathaus klarer zu kennzeichnen und zu verbessern.

Es gibt übrigens zusätzlich zur Rampe in direkter Umgebung drei (!) zusätzliche Stiegen, die zu Fuß sogar den kürzeren Weg in den Bereich Alturfahr Ost darstellen. Der Weg zu diesen Stiegen sollte für FußgängerInnen besser gekennzeichnet werden.

Bleibt Rampe gesperrt, sind Notfallmaßnahmen zur Sicherheit des Radverkehrs nötig

Beim Autoverkehr wäre es undenkbar, eine Route komplett zu sperren, bevor eine Alternativlösung umgesetzt ist. Beim Radverkehr stellt das für die Stadt Linz anscheinend kein Problem dar. Die Radlobby OÖ fordert, dass hier klar nach dem Grundsatz gehandelt wird: Wenn die sichere Fahrmöglichkeit für den Radverkehr wegfällt, dann muss die verbleibende unsichere Fahrmöglichkeit sofort sicherer werden.

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Tempolimit von 30 km/h zur Vermeidung von tödlichen Unfällen - hier nur temporär anlässlich einer Baustelle (Radlobby OÖ)

Ein Tempolimit von 30 km/h für den Autoverkehr auf der gesamten Nibelungenbrücke ist sowieso schon lange wegen des zu geringen Seitenabstands zum Radweg ausständig. Im Bereich ab dem AEC Richtung Norden ist es überfällig. Dieses Tempolimit kann sofort und ohne Kosten umgesetzt werden.

Bleibt aber nun die AEC-Rampe gesperrt, dann muss konsequenterweise Richtung Hauptstraße stattdessen auf der Fläche entlang des AECs ein Radweg gebaut werden. Alternativ kann auch ein KfZ-Fahrstreifen für den Radverkehr umgewidmet werden.

Vizebürgermeister Hein muss bei Sperre der AEC-Rampe die nun einzig verbliebene Route deutlich sicherer machen, wenn er glaubwürdig bleiben will. Wir erinnern ihn seine eigenen Worte in seiner Presseaussendung vom September 2019: „Es hat gute Gründe, warum Verkehrsexperten einen Mischverkehr auf der Nibelungenbrücke nicht für möglich halten […] es ist schlichtweg gemeingefährlich.“


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Ergänzende Radlobby-Presseaussendungen

Pressebilder

Verwendung mit Quellenangabe

Presseaussendungen anderer

Medienberichte


Fakten: Was ist konkret gefährlich an der Linzer Nibelungenbrücke?

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Auf der Brücke gibt es nur einen gefährlichen Gehsteigradweg: Ein schmaler 100-Zentimeter-Streifen, mit extrem hoher Kante zur nahen Fahrbahn. KfZ und LKWs brausen im Abstand von unter 1 m an den RadfahrerInnen vorbei. Eigentlich ist dies verboten: So eine Verkehrsführung ist heute nicht mehr bewilligungsfähig.

Bei Veranstaltungen wie dem Urfahraner Markt ist der Gehsteig und der Gehsteigradweg überfüllt mit FußgängerInnen. Durch die hohe Kante besteht ständig die Gefahr bei unvermittelt auf den Radweg tretende FußgängerInnen hinunter vor ein Auto gestoßen zu werden. Viele RadfahrerInnen kamen hier schon zu Sturz und fielen auf die Fahrbahn. Alleine die letzten Monate gab es 2-3 schwere Radunfälle, mit mindestens einem Schwerstverletzten.

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Es gibt vor und nach der Brücke stellenweise überhaupt keinen Radweg, z.B. vor dem Ars Electronica Center: Tonnenschwere Autos und LKWs fahren zu schnell im Mischverkehr mit verletzlichen RadfahrerInnen.

Beidseitig fehlen auch attraktive Querungsmöglichkeit für den Radverkehr, sodass die schmalen Einrichtungsradwege auch von vielen RadfahrerInnen entgegen der vorgeschriebenen Richtung befahren werden. Ebenso fehlen entsprechende Anschlüsse an das umgebende Radwegnetz.

Analyse: Wer ist schuld an der unsicheren Nibelungenbrücke?

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Die für die Linzer Verkehrsplanung zuständigen PolitikerInnen wechseln alle paar Jahre. Zu beobachten ist, dass es politisch manchmal an Interesse, oft an Visionen und gelegentlich auch an Kompetenz mangelt, Maßnahmen zu setzen, den Linzer Radverkehrsanteil wirksam zu heben.

Fatalerweise gibt es in Linz eine - zumindest von der Leitung abwärts - weitgehend auf das Auto fokussierte Beamtenschaft in der Magistratsabteilung Verkehrsplanung. Diese Kombination hemmt Linz seit Jahren, einen entscheidenden Schritt weiterzukommen.

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Vizebürgermeister Markus Hein hat bei Übernahme des Verkehrsressorts bei vielen bekannten Schwachstellen der Linzer Radinfrastruktur bisher zu Recht auf seine untätigen VorgängerInnen verwiesen. Und er hat begonnen, kleinere unmittelbar mögliche Verbesserungen, die die Radlobby vorgeschlagen hat, umzusetzen - teils gegen Widerstände der Abteilung Verkehrsplanung. Dies brachte den Radverkehr einen kleinen Schritt vorwärts.

Lässt Vizebürgermeister Hein nun zu, dass die seit 11 Jahren von RadfahrerInnen genutzte, sichere AEC-Rampe gesperrt wird, geht es mindestens drei Schritte zurück. Hein würde sich nun unmittelbar mitschuldig machen, denn damit werden wissentlich RadfahrerInnen gefährdet, die bisher den Mischverkehr mit KfZ und LKW in diesem Bereich sicher umfahren konnten.


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