Zur ersten Weltraummission mit dem Fahrrad

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Es ist mehr als eine Legende, dass Österreichs Start in die Weltraumforschung nicht raketenhaft war, sondern per Fahrrad in die Gänge kam. Fast 50 Jahre ist es her, dass Martin Friedrich (Jg. 1945), damals Assistent von "Weltraum-Papst" Willibald Riedler, sich mit dem Rad auf den Weg ins schwedische Kiruna nördlich des Polarkreises machte, um die Beteiligung am ersten Forschungsprojekt unter Dach und Fach zu bringen.

Die Geschichte geht so: "Als Prof. Riedler im März 1969 seinen Dienst in Graz antrat, brachte er eine Einladung des Norwegischen Forschungsrates mit, ohne Kostenbeitrag gewisse Messgeräte auf Forschungsraketen fliegen zu können, sofern diese Geräte bis Oktober 1969 fertig entwickelt und getestet werden können. Mit der Zusage begann für Prof. Riedler der Wettlauf mit der Zeit und die Odyssee zwischen verschiedenen Ministerien und der zuständigen Stelle des Landes Steiermark um wenigstens bescheidene Mittel (...). Als dann nicht einmal das notwendige Reisegeld aufzutreiben war, um die unbedingt notwendigen Kompatibilitätstests in Kiruna zu ermöglichen, begab sich der damalige Assistent Dipl. Ing. Martin Friedrich (...) mit dem Fahrrad auf den Weg in das einige tausend Kilometer entfernte Kiruna.

Als Prof. Riedler nach der denkwürdigen Nacht der ersten Mondlandung am 20./21. Juli  1969 im österreichischen Fernsehen diese Fahrradgeschichte erzählte, kam es zu erbosten Reaktionen aus dem Ministerium dazu – aber die notwendigen Reisemittel wurden in der Folge bewilligt.“ (1)

Der Langstreckenradler, der damals die erste österreichische Weltraummission quasi mit Muskelkraft erradelte, hat auch heute noch ein kleines Büro am Institut für Kommmunikationsnetze und Satellitenkommunikation der TU Graz. Eigentlich sei er schon in Pension, aber er habe noch ein Projekt im Laufen, das er noch abschließen möchte, erklärt er dem Besucher. An seine damalige "heroische" Tat erinnert er sich mit Schmunzeln, relativiert aber: "Ich habe zu dieser Zeit immer wieder Fernfahrten mit dem Rad unternommen. Im Sommer 1969 wollte ich entweder nach Damaskus oder zum Nordkap - beides Distanzen von über 3.000 km." Die richtige Richtung gab letztlich Professor Riedler vor, der vor seiner Berufung nach Graz am Geophysikalischen Observatorium der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Kiruna tätig war. Riedler war es auch, der seinen Assistenten bis Kopenhagen im Auto mitnahm, wobei dieser die "gesparte" Strecke schon 2 Jahre davor tour-retour geradelt war.

Puchrad mit 84.000 km "eingemottet"
Abgesehen von seinem Kiruna-Trip absolvierte Friedrich zu dieser Zeit einige respektable Solo-Radreisen etwa nach England (1964), zusätzlich nach Irland und Schottland (1966), nach Südschweden (1967) und eine große Runde über Italien, Frankreich, Spanien, England und über Deutschland retour (1968). "1971 habe ich mir ein Auto gekauft und mein Rad abgestellt". Zwar kehrte der Herr Professor in späteren Jahren wieder zum Fahrrad als urbanes Verkehrsmitel zurück, sein Puchrad von anno dazumal blieb aber mit einem Zählerstand von 84.000 km bis zum heutigen Tage im Keller -  fahrbereit in Plastikfolie, wie er betont.

Wobei der Grazer bei dieser Gelegenheit auch mit einem Mythos bezüglich Qualitätsprodukt aufräumt: "Von dem S60, das ich nach der 5. Klasse Gymnasium bekommen hatte, blieb im Laufe der Jahre nur noch die Lichtanlage, die Klingel, die vordere Felgenbremse und eine der Felgen übrig." So war laut Auszug aus dem Fahrtenbuch schon nach 629 km die Innengang-Schaltung ("Büffel" von Junior) kaputt, die Alu-Kotflügel wurden auch bald unbrauchbar, nach 1.664 km brach der Lenker, 10.000 km später noch einmal, bei Kilometer 24.168 km kollabierte das Sattelrohr - der Rahmen wurde durch einen des Modells S70 ersetzt. Immerhin: Im Friedrich´schen Keller lagert die erbastelte Gegenthese zu heutigen Obsoleszenz-Produkten, wobei der Besitzer selbst über den heutigen, mittelpreisigen Nachfolger im eigenen Rad-Fuhrpark kein schlechtes Wort verlieren möchte.       

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(1) zit. aus: Kurt Friedrich, Willi Riedler 75 – Festschrift, Hrsg.: AlumniTUGraz 1887, Technische Universität Graz, September 2007, 25.
 

 

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